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Mitterfels. Gelöbnisfeier am 31. Mai 2026 für ein glimpfliches Ende ...

einmarsch amerikaner  

Einmarsch der Amerikaner in einem Dorf im Vorwald

 ... des Zweiten Weltkriegs.

Predigt bei der Gelöbnisfeier von P. Dominik Daschner

Gelöbnisfeier am 31. Mai 2026, 20 Uhr in der kath. Pfarrkirche mit anschließender Lichterprozession (wegen des Gewitters in der Kirche)

Wort zur Einführung:

Seit einigen Jahren müssen wir erleben, wie Krieg immer mehr wieder zu einem gängigen Instrument in der Weltpolitik wird. Obwohl man sich nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs doch geschworen hatte: „Nie wieder Krieg!“

Statt auf Verhandlungen, gegenseitige Abkommen und Vereinba­rungen des Völkerrechts zu bauen, setzt man vermehrt wieder auf die Option Krieg und greift seine Gegner militärisch an. Selbst vor Kriegsverbrechen scheut man nicht zurück, sondern kündigt sie sogar öffentlich an.

Es ist ein Rückfall in das Recht des Stärkeren. Statt auf die Stärke des Rechts zu bauen, setzt man seine vermeintlichen Rechte und Anliegen mit Gewalt und Faustrecht durch.

Eine sehr bedenkliche und bedrohliche Entwicklung ist das, die wir der­zeit in der großen Politik beobachten müssen.

Mit unserer Gelöbnisfeier im Gedenken an das friedliche Ende des Zweiten Weltkriegs für unseren Ort Mitterfels setzen wir ein Zeichen dagegen: statt Vergeltung nach dem Recht des Stärkeren auf Frieden und Versöhnung zu bauen. So wie die Mitterfelser Gläubigen damals, die ihre Zuflucht im Gebet zu Maria genom­men haben, damit die friedliche Übergabe ihres Ortes gelingt, wollen auch wir heute zu Maria als Königin des Friedens beten – um Frieden im weltbewegend Großen, aber auch im Kleinen un­serer ganz persönlichen Lebenswelten.

 

Predigt

Vielleicht kennen Sie die kleine Geschichte, wo eine Gruppe von Kindern auf einem Spielplatz Krieg spielt, so wie Kinder das eben manchmal tun: mit Stöckchen in der Hand herumlaufen als imaginäre Waffen und „Piff-paff“ rufen. „Fall um! Du bist tot!“ Und der so Getroffene sinkt in den Sand. Ein Mann, der am Rand des Spielplatzes auf einer Parkbank saß und das Kinder­spiel beobachtete, hat die Kinder darauf angesprochen: „Warum spielt ihr denn Krieg? Krieg ist doch etwas ganz Furchtbares und Grausames! Warum spielt ihr stattdessen nicht Frieden?“ Und die Kinder haben zunächst einander ratlos angeschaut und dann den Mann, mit der Frage: „Wie spielt man denn Frieden?“

Ist diese Frage nicht bezeichnend, liebe Gemeinde? Wie Krieg geht, das wissen wir genau. Das wissen schon Kinder auf dem Spielplatz. Aber wie man Frieden spielt, wie Frieden zwischen den Menschen geht, da sind wir oft sprachlos. Da tun wir uns schwer, eine Antwort zu geben.

Wie finden wir zum Frieden? Militärische Macht und gegenseitige Abschreckung helfen nicht wirklich weiter. Denn Gewalt erzeugt immer Gegen­gewalt. Ob in der Politik oder im Privat­leben: Wer zum Nachgeben gezwungen wird, der sinnt immer auf eine Gelegenheit zur Rache. Nur Gerechtigkeit schafft Frieden. Davon ist die Bibel überzeugt. „Gerech­tigkeit und Friede küssen sich“, heißt es in den Psalmen. „Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein“, so lesen wir beim Propheten Jesaja. Terrorismus in der Welt genauso wie Streit unter Nachbarn oder in Familien lassen sich nur durch Gerechtigkeit überwinden: durch gerechten Ausgleich. In allen Kon­flikten sind die Lösungen die besten, die beiden Seiten gerecht werden.

Frieden hat aber auch etwas zu tun mit einer persönlichen Einstellung. Ein Beispiel dafür: Vor Jahren ist in Tel Aviv Folgendes passiert: Der 38-jährige Jude Jigal Asari spendete einem 45-jährigen Araber eine Niere. Im Gegenzug spen­dete dessen Frau dem zehnjährigen Sohn von Asari ihre Niere. Dieser jüdisch-palästinensische Nierentausch war notwendig, weil sonst die Blutgruppen nicht zueinander gepasst hätten. Erst nach den gelungenen Operationen lernten beide Familien sich kennen. Angesprochen auf die eigentlich doch bestehende tiefe Feindschaft zwischen Juden und Palästinensern, sagte Asari: „Es ist doch egal, ob es ein Jude oder Araber ist; das Wichtigste ist, Leben zu retten.“

Frieden kann wachsen, wenn wir uns jenseits aller Nationalitäten, Reli­gionen und Macht­inte­ressen auf diese gemeinsame Basis besinnen: dass wir alle Menschen sind und das gleiche Schicksal haben. Haben wir nicht alle denselben Ursprung und sterben alle denselben Tod? Träumen wir nicht alle den gleichen Traum von Liebe und Glück? Wir sorgen uns um unsere Kinder, fürchten uns vor Krebs, kämpfen um das tägliche Brot. Rot ist unser aller Blut. Gibt es nicht eine Verbundenheit - einfach, weil wir Menschen sind; weil das Leben schwer genug ist und mit 70, 80, 90 Jahren unausweichlich zu Ende geht?

Als Christen könnten wir noch hinzu­fügen: Ist nicht Gottes Hand über uns allen? Ist er nicht das Geheimnis, das uns alle umgibt: aus dem wir kommen und zu dem wir gehen? Ist Jesus Christus nicht für uns alle gestorben? Sind wir nicht alle Kinder Gottes und damit Schwestern und Brüder? Wenn wir anfangen, im anderen nicht nur den Feind zu sehen, sondern auch den Menschen, vielleicht sogar den Bruder und die Schwester, dann kann Friede wachsen.

Vermutlich hat es auch damit zu tun – im Gegenüber nicht zuerst den Feind zu sehen, sondern vor allem anderen den Menschen, mit denselben Bedürfnissen und Wünschen wie ich selber – vermutlich hat es auch damit zu tun, dass die Friedensmission zur kampflosen Übergabe von Mitterfels am Ende des Zweiten Weltkriegs gelungen ist, deren wir heute mit dieser Gelöbnis­feier dankbar gedenken, dass die gelungen ist: als am 25. April 1945 eine Gruppe von Mitter­felser Bürgern den heranrückenden amerikanischen Truppen entgegengegangen ist und sich für die kampflose Übergabe ihres Ortes mit ihrem Leben verbürgt hat, und die Amerikaner im Ge­gen­zug ihrerseits auf Rache, auf Plünderung, Zerstörung und Gewalttaten verzichtet haben. So konnte für unseren Ort Mitterfels Frieden einkehren. So sind aus Kriegsgegnern Befreier ge­worden. So konnte in der Folge Aussöhnung geschehen, und Deutsche und Amerikaner sind auf lange Sicht zu Freunden geworden.

Die Vorgänge hier in Mitterfels vor 81 Jahren, an die wir heute erinnern, sind ein Beispiel dafür, wie Frieden anfängt, wie man – um es mit der Geschichte vom Anfang zu sagen – wie man Frieden spielt.

„Friede ist ein großes Wort“, so schreibt Peter Michaelis in einem Friedensgebet.

Friede ist ein großes Wort, manchmal ein unerwartetes Geschenk – so wie im April 1945 für Mitterfels -, zerbrechlich wie Glas,

zähes Ringen an Verhandlungstischen, sorgsame Suche nach Gerechtigkeit,

schmerzhafter Kompromiss, getrocknete Blutspur des Hasses.

Friede ist ein Weg,

Menschen sind auf ihm unterwegs, die den ersten Schritt wagen – wie die Gruppe Mitter­felser Bürger auf dem Weg zu den Verhandlungen mit dem heranrückenden Gegner – mit den Augen des Anderen zu sehen versuchen,

ein Ziel im Blick zu haben irgendwann gemeinsam.

Friede atmet Vertrauen, das die Vernunft und alle Sinne durchzieht wie kühle Luft: ein und aus.

Du kannst dich auf mich verlassen. Wir stellen uns gemeinsam dem, was war.

Die Zukunft gehört uns nur gemeinsam.

Unser Gott, Friede ist ein großes Wort.

Du hast es uns gestiftet als Sehnsucht nach dem Paradies, das wir verloren,

als Hoffnung auf dein Kommen auf ewig,

als Aufgabe im Kleinen und im Weltbewegenden,

als Wort an dich, du Gott des Friedens.

Wir bitten dich für alle, die sich um Frieden mühen,

damit das große Wort klein genug wird zum Leben.

Liebe Schwestern und Brüder, die Vorgänge in Mitterfels am Ende des Zweiten Weltkriegs, die wir mit unserer Gelöbnisfeier lebendig in Erinnerung halten, sind ein Beispiel dafür, wie das große Wort vom Frieden ins Kleine heruntergebrochen werden kann, damit man es leben kann. Damit wir Menschen immer mehr lernen, wie man Frieden spielt.


 

 

Zum 81. Mal jährt sich in diesem Jahr das Ende des Zweiten Weltkriegs, das für Mitterfels so glimpflich verlaufen ist.

Jedes Jahr am letzten Mai-Sonntag wollen Pfarrei und Marktgemeinde Mitterfels das damals gemachte Gelöbnis mit einer feierlichen Marienfeier und anschließender Lichterprozession erfüllen.
Die Feier beginnt um 20 Uhr in der Mitterfelser Pfarrkirche; musikalisch wird die Feier vom Kirchenchor unter der Leitung von Markus Becker mit Marienliedern gestaltet. An der Orgel spielt Wilma Tosch. Anschließend setzt sich die Lichterprozession zur St. Georgs-Kirche in Bewegung. Dort endet die Gelöbnisfeier.
Damit die Lichterprozession wirklich bei Kerzenschein und nicht bei noch vollem Tageslicht stattfindet, beginnt die Gelöbnisfeier - anders als die sonstigen Maiandachten - erst um 20.00 Uhr.

Anlass für das Gelöbnis

Der 25. April des Jahres 1945 gilt bei allen Mitterfelsern, den älteren wie den jüngeren, wenn sie sich mit ihrem Ort identifizieren, als ein Tag, an dem „Zeitgeschichte“ ins Dorf kam.

bergung der totenZuerst wurde auch die Bevölkerung von Mitterfels, die den 2. Weltkrieg nur aus der Distanz erlebte, mit dem blutigen Nazi-Terror konfrontiert. Nach einem Himmler-Befehl sollte kein KZ-Häftling lebend in die Hände der Alliierten fallen. Die blutige Spur eines „KZ-Todesmarsches“ mit Häftlingen aus dem Konzentrationslager Flossenbürg zog sich durch unser Dorf. (Der AK Heimatgeschichte berichtete darüber, zuletzt im Mitterfelser Magazin 11/2005). 60 Jahre danach, vor 5 Jahren also, gedachten wir Mitterfelser mit einem Mahnmal im Friedhof dieser schrecklichen Geschehnisse.
Foto: Bergung der Ermordeten des KZ-Marsches
Am selben Tag noch rückten die Amerikaner ein, und dass der Einmarsch friedlich verlief, war einer Abordnung der Gemeinde zu verdanken, die den amerikanischen Truppen entgegengezogen war, um durch Zusicherung widerstandsloser Aufgabe die Verschonung des Ortes vor der Zerstörung zu erwirken.
Über die letzten Kriegstage und die Zeit der Besetzung von Mitterfels durch die US-Army danach hat der damalige Hauptlehrer Karl Heiß ausführliche Tagebuchaufzeichnungen erstellt, die wir im Mitterfelser Magazin 16/2010 abgedruckt haben. Wir bringen den Eintrag vom 25. April 1945 hier:
Karl Heiß: "Der 25. April wird allen Mitterfelsern unvergesslich bleiben. Um 10 Uhr vormittags sahen wir SS-Leute, die auf der Straße von Haselbach nach Mitterfels mehrere Hunderte von Sträflingen aus dem KZ-Lager Flossenbürg dem Ort zutrieben. Die Begleitmannschaft fuhr auf einem Wagen. Hunde umkreisten den traurigen Zug und hetzten Zurückbleibende den anderen nach. Durch Schläge auf das Hinterhaupt mit einem Stock, der etwa einen Meter lang und 4 Zentimeter dick war, wurden diese abgezehrten Gestalten vorangetrieben, seit 19 Tagen, wie es hieß. Voll tiefster Erschütterung starrten wir auf diese Unglücklichen, die mit aufgehobenen Händen um Brot und Wasser bettelten.
Wahrscheinlich sollten sie noch bis Dachau gebracht werden, da ein SS-Mann von der Begleitmannschaft einen Mitterfelser fragte, wie weit es noch bis Dachau wäre. Immer wieder drängten sich Männer und mitleidige Frauen an den Zug, um den halb Verhungerten und Verdürsteten eine Kleinigkeit zu reichen. Doch immer wieder wurden sie von den Soldaten wortlos zurückgedrängt. Völlig Erschöpfte wurden durch den Ort von etwas kräftigeren Leidensgenossen gezerrt und geschleppt. Doch als der Zug verschwunden war, hörten wir einzelne Schüsse.
Als die SS- Mannschaft erfuhr, dass die Amerikaner schon in Ascha wären, schwenkten sie bei Scheibelsgrub auf die Straße nach Bogen ab. Hernach fanden wir die armen Opfer, durch Genickschüsse erledigt; sechs lagen im Grimmholz bei Rogendorf, 18 bei Scheibelsgrub. Kein Mensch kannte ihre Namen, ihren Stand oder ihren Wohnort. Der Landwirt Johann Wartner von Scheibelsgrub versuchte, bei Bürgermeister Schmatz zu erfahren, was denn nun mit den Toten geschehen solle. Er erreichte den Bürgermeister nicht und rief Gendarmeriewachtmeister Fuchs an. Der wies die Scheibelsgruber an, die Ermordeten an Ort und Stelle zu beerdigen. Das geschah dann gegen fünf Uhr.

Als Schlossermeister Ernst Stapf den Durchzug der Häftlinge um 11¼ von seinem Haus aus sah, nahm er Josef Kräh auf sein Motorrad und fuhr nach Ascha, den Amerikanern entgegen. Die beiden trafen im Ort auf eine Panzerabteilung, die von Pilgramsberg her kam. Stapf zog das Taschentuch und verlangte einen amerikanischen Offizier. Im vierten Panzer meldete sich einer und diesem erzählte er, dass etwa 400 politische Sträflinge durch Mitterfels, wahrscheinlich Agendorf zu, getrieben worden seien. Stapf und Kräh konnten in einem Panzerspähwagen bis Au bei Gschwendt mitfahren. Dort mussten sie aussteigen und nach Ascha umkehren, da die Amerikaner deutsche Truppen in der Nähe vermuteten. Die beiden fuhren auf dem Motorrad wieder heim. Von ihnen erfuhren wir, dass die „Ami“ in Ascha seien und dass eine Abteilung die Straße von Ascha herangefahren und nach Haselbach abgebogen sei. Bürgermeister Schmatz und Schlossermeister Stapf fuhren bis an die Straßengabelung und erwarteten dort die Amerikaner. Der Bürgermeister gab die Versicherung ab, dass Mitterfels nicht verteidigt werde. Der Offizier sagte, dass der Bürgermeister mit seinem Kopf für Ruhe bürgen müsse.
Wir im unteren Dorf hörten dann, dass die Amerikaner jetzt beim Sattlermeister Hösl, dann beim früheren Feuerwehrhaus und schließlich bei der Gendarmerie stünden. Voll Schrecken lief alles hin und her. Ich ging um ½ 3 Uhr zur Gendarmerie und sah dort zwei Panzerwagen auf der Straße. Amerikanische Soldaten mit Maschinenpistolen gingen herum. Soldaten der deutschen Wehrmacht sammelten sich gerade in der Nähe, legten ihre Waffen und ihre Ausrüstung ab. Aus allen Häusern hingen weiße Fahnen. Ein Befehl des amerikanischen Oberbefehlshabers General Eisenhower wurde eben angeschlagen, wonach alle Waffen, Feldstecher und Fotoapparate beim Bürgermeister abzugeben seien. Ein zweiter Anschlag verkündigte, dass alle Organisationen der NSDAP aufgelöst seien.

Dann fuhren die Amerikaner wieder ab, und wir gingen heim. Auf den Feldern zwischen Schmid Michl, Hafner und Attenberger Josef fanden wir alles zertrampelt, die Saat in den Boden gestampft, von Autos zerwühlt. Hier war für kurze Zeit ein Feldverbandsplatz errichtet worden. Und auf den Landstraßen nach Norden stauten sich unabsehbare Schlangen von Fahrzeugen, die nach Süden nicht mehr weiterkamen.

Abends halb sechs Uhr kam motorisierte Infanterie ins Dorf. Ihre Quartiermacher und unser Bürgermeister forderten die Bewohner der Häuser auf, innerhalb von zehn Minuten die Wohnungen zu verlassen. Der Bürgermeister sagte uns, dass wir morgen früh um acht Uhr wieder einziehen könnten. ...."
 
[Mitterfelser Magazin 16/2010, Seite 157 ff - noch erhältlich bei Alois Bernkopf - Tel. 09961/6320]
 
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 60 Jahre danach gedachten wir Mitterfelser mit einem neu errichteten Mahnmal im Friedhof (das alte war verschwunden) der Opfer dieses schrecklichen Todersmarsches durch Mitterfels am 25. April 1945.
Im Jahr 2015 wurde erneut am Gedenkstein der Opfer des KZ-Todesmarsches gedacht. [... mehr]